Frauen, die lesen, sind gefährlich und klug.

Jonathan FRANZEN: Die Korrekturen

Erstveröffentlichung: 2001 (New York)

Inhalt:
Enid und Alfred Lambert haben drei Kinder: Gary, Chip und Denise. Jeder der fünf hat seine Problemen. Alfred kämpft mit einer Depression und Parkinson, ist zudem nicht bereit, Gefühle zu zeigen. Enid hat darunter seit ihrer Hochzeit gelitten und sich immer schon mehr Zärtlichkeiten von ihrem Mann gewünscht. Gary und seine Frau stecken in einer Ehekrise und ziehen ihre drei Kinder in ihre Machtspielchen hinein. Chip wurde von seiner Professorenstelle entlassen, weil er eine Affäre mit einer Studentin hatte und versucht sich nun recht erfolglos als Drehbuchautor. Denise ist eine tolle Köchin und hat sich in ihrem Beruf so einiges erarbeitet, jedoch macht sie sich am Ende nicht nur Freundschaften, sondern auch gute Karrierechancen kaputt.

Bewertung:
Auf 780 Seiten schildert Franzen ein Familiendrama und übt gleichzeitig Gesellschaftskritik. Immer wiederkehrend ist die Idee der Korrektur: Kann ich mein Leben ändern? Kann man eine Gesellschaft verändern? Wie kann das funktionieren?
Manche sagen, einige Nebenstränge der Handlung wären zu lang und überflüssig - ich aber finde, das alles macht diesen Roman aus. Es gab keine einzige Seite, auf der ich mich gelangweilt oder mich gefragt hätte: Was soll das denn jetzt? Nein, es war ein rundes, reines Lesevergnügen!
Franzens Sprache ist erfrischend, gleichzeitig auch ein wenig anspruchsvoll, aber das mag ich sehr gerne. Er verwendet Metaphern, die schlicht genial sind. Er hat eine Art zu erzählen, wie ich sie noch nie zuvor erlebt habe. Gepaart mit dem, wie gesagt, durchgehenden Motiv der Korrektur, gibt dieser Roman ein wirklich gute Figur ab. Ich würde behaupten, es gehört mit Abstand zu den besten Büchern, die ich je gelesen habe!

Meine Fassung:
Franzen, Jonathan: Die Korrekturen. Hamburg, 2010: Rowohlt.
30.3.11 16:26


Wolfgang BORCHERT: Draußen vor der Tür

Erstveröffentlichung: 1947

"Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will."

Inhalt:
Der fünfundzwanzigjährige Beckmann kommt aus dem Krieg. Humpelnd und mit Gasmaskenbrille stellt er für manche nur eine Lachnummer dar. Vielleicht deshalb, weil sie die Schrecken der vergangenen Jahre nicht sehen wollen. Denn damit konfrontiert Beckmann sie.

Oberst: Was wollen Sie denn von mir?
Beckmann: Ich bringe sie Ihnen zurück.
Oberst: Wen?
Beckmann (beinah naiv): Die Verantwortung. Ich bringe Ihnen die Verantwortung zurück. (...) Verantwortung ist doch nicht nur ein Wort, eine chemische Formel, nach der helles Menschenfleisch in dunkle Erde verwandelt wird. Man kann doch Menschen nicht für ein leeres Wort sterben lassen.
S. 25 f
Doch Beckmann bemüht sich vergebens. Er ist nicht mehr dort zu Hause, wo er es vor dem Krieg noch war. Er ist nirgendwo mehr zu Hause.

Bewertung:
Mit seiner direkten, einfachen Sprache kann Borchert große Gefühle hervorrufen. Man leidet mit Beckmann, kann seine Gedanken nachvollziehen. Nachdem ich es vor ein paar Jahren zum ersten Mal gelesen habe, blieb es mir wie kein anderes im Gedächtnis. Das, finde ich, sollte ein richtig gutes Buch ausmachen.

Lieblingszitat:
"Mit der Wahrheit ist es wie mit einer stadtbekannten Hure. Jeder kennt sie, aber es ist peinlich, wenn man ihr auf der Straße begegnet. Damit muß man es heimlich halten, nachts. Am Tage ist sie grau, roh und häßlich, die Hure und die Wahrheit. Und mancher verdaut sie ein ganzes Leben nicht." (S. 33 f)

Meine Fassung:
Borchert, Wolfgang: Draußen vor der Tür. Hamburg, 2005: Rowohlt.
25.12.10 20:51



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